Handschrift

Die Abteilung ›Handschrift‹ ist das Zentrum der Website.

– Die Eintragsschichten sind separiert und jeweils farblich hervorgehoben: die zuletzt gewählte weiß, die vorherigen grau. Sie lassen sich in ihrer vermuteten zeitlichen Folge kumulativ zuwählen. Auf diese Weise wird der Schreibprozeß nachvollziehbar. Eintragungen von fremder Hand sind nicht berücksichtigt.

– Jede Arbeitsphase läßt sich einzeln anzeigen und in beliebiger Kombination mit anderen. So kann der Leser selbst mit verschiedenen Eintragsfolgen experimentieren. Zu jedem Zustand steht eine diplomatische Umschrift zur Verfügung.

– In der Umschrift sind überschriebene oder aufgegebene Buchstaben in Spitzklammern ‹x› gesetzt, eingefügte zwischen senkrechte Striche |x|, nicht entzifferte Zeichen sind durch leere Spitz­klammern ‹› wiedergegeben. Lateinische Schrift erscheint kursiv. Unsichere Lesungen sind nicht besonders kenntlich gemacht. (Ein solcher Vermerk wäre fast in jeder Zeile anzubringen, Hölderlins Handschrift der reifen Zeit unterscheidet zum Beispiel nicht zwischen d und D oder zwischen ss und ß.) Die Umschrift ist nur Lesehilfe. Sie fußt auf den Ausgaben von Hellingrath, Zinkernagel, Beißner und Sattler.

– Die Abbildungen lassen sich sowohl über die entsprechende Schaltfläche vergrößern als auch, an jedem beliebigen Punkt, mit dem Mausrad. Der Ausschnitt kann im Bildschirmfenster verschoben werden.

– Seiten, auf denen Hölderlin Schrift ohne Tinte ins Papier gedrückt hat, werden zusätzlich in einer Streiflichtaufnahme gezeigt. Die unsicher erkennbaren Einritzungen sind versuchsweise gedeutet.

Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der Eintragsfolge lieferte neben den semantischen Text­beziehungen die genaue Beachtung räumlicher, grafischer und materialer Indizien, darunter:
– Ausweichen jüngerer Notate
– Einzüge und Kolumneneinrichtung
– Abstand zu den Seitenrändern
– Neigungswinkel der Zeilengrundlinie
– Neigungswinkel der Schrift
– Schriftgröße
– Merkmale des Schriftduktus
– Tintenfarbe
– Opazität der Tinte
– Viskosität der Tinte
– Druck des Schreibgeräts aufs Papier
– Federbreite
– geschnittene, verrundete Federspitze
– harte, weiche Feder
– Tintenvolumen der Feder (Frequenz des Eintauchens ins Tintenfaß)
– fasernde, verschmutzte, spritzende, klecksende Feder
– Wischspuren
– Verlaufen der Tinte bei Sofortkorrektur durch Streichen oder Überschreiben
– Abdruck ungelöschter Tinte auf der Gegenseite

Unterschieden werden sowohl Schreibsequenzen, bei denen materiale Merkmale auf verschiedene Arbeitssitzungen deuten, als auch solche, die semantisch einen Neuansatz erkennen lassen, selbst wenn es sich um eine Sofortkorrektur handelt. Als Retuschen können und wollen die Grafiken nichts beweisen. Sie sind, wie die diplomatische Umschrift, Lesehilfe. Arbeitsprinzip des Projekts ist das Zeigen.

Die Chronologie der Niederschrift ist nur in Bezug auf die jeweilige Seite erforscht. Denn nur innerhalb der Einzelseite lässt sich die räumliche Disposition als Anzeiger der zeitlichen Folge lesen. Eintragungen auf verschiedenen Seiten weichen einander nicht aus. Damit fehlt der Stratigraphie ein Leitindiz. Bei nicht linear fortgesetzten Eintragungen werden sich seitenübergreifende Zusammen­hänge verläßlich wohl erst ermitteln lassen, wenn in Hölderlins Papieren – wie bei vielen Autoren und Komponisten vergleichbarer Bedeutung längst geschehen – die verschiedenen Eisengallustinten spektroskopisch bestimmt sind.

Hölderlins Arbeitsweise fordert die genetische Betrachtung. Der Dichter geht im Herbst 1799 vom linearen zum raumdisponierenden Entwurfsverfahren über: Er verteilt zunächst Motive über die Seiten, markiert häufig aber auch nur durch Bindewörter die Gelenkstellen seiner Komposition. Die auf diese Weise formatierten Räume erweisen sich dann zwar regelmäßig als falsch bemessen. Die notierten Zeilen geben aber offenbar – wie die Bünde eines Saiteninstruments – ›Schwingungs­­verhältnisse‹ vor, die dem Autor helfen, die noch ungeschriebenen Partien hörbar werden zu lassen. Im Druck lassen sich diese Proportionen nicht angemessen wiedergeben, sie erscheinen nur im Schriftbild.

Im Homburger Folioheft mischt sich das raumdisponierende Verfahren mit dem linearen. Die Entwicklung des Entwurfs geschieht meist schrittweise. Der Ergänzung geht dabei häufig eine Revision des bereits Geschriebenen voraus, Überarbeitung und Fortsetzung gehören in der Regel zu einer Arbeitssitzung. Die Erweiterung, zunehmend im linearen Verfahren, überlagert das raum­disponierende Konzept manchmal bis zur Unkenntlichkeit.

Hinzu treten kontrapunktische Bearbeitungen. In diesem Stadium der Arbeit, oft dem letzten überlieferten, erscheint der Text mehrstimmig. Wie der Meister das figurale Geflecht auf monodischen Gesang reduzieren wollte, ist dann nicht erkennbar. Während nach Ausweis seiner poetologischen Aufsätze auch Hölderlins vollendete Gedichte polyphon gedacht, lediglich einstimmig notiert sind (wie Johann Sebastian Bachs Kompositionen für Violine solo), treten in den Entwürfen und Über­arbeitungen die Linien auseinander. So lassen sie sich in ihrem räumlichen Nebeneinander und genetischen Nacheinander studieren. Schließlich finden sich versprengt themenfremde Motive mit dissonantem Klang. Häufig zeigen diese Notate auch in der grafischen Faktur einen Gegensatz zum Entwurfszusammenhang. In den Textausgaben als ›Pläne und Bruchstücke‹ abgetrennt, im Apparat gegeben oder in den laufenden Text montiert, erscheinen auch sie nur als Schriftbild in ihrem Spannungsfeld.

Zum Verständnis der fragmentarischen Texte im Homburger Folioheft wird auf die Kommentare der Editionen verwiesen und, stellvertretend für Einzelstudien, auf die Untersuchungen von Anke Bennholdt-Thomsen und Alfredo Guzzoni in ihrer fünfbändigen Reihe ›Analecta Hölderliniana‹ / ›Marginalien zu Hölderlins Werk‹, Würzburg 1999-2017.

Die relative zeitliche Bestimmung der im Faksimile räumlich dokumentierten Konstellation der Schrift ist das Ziel dieser Website. Die Begrenzung der Aufgabe reduziert ihren Geltungsanspruch gegenüber den Texteditionen, sie befreit die Arbeit zugleich von deren Filtern und Zwängen.

Editionen

Verwiesen wird zu jeder Seite auf die Edition des Inhalts in
– Große Stuttgarter Ausgabe, Stuttgart 1943-1985 (Friedrich Beißner)
– Frankfurter Ausgabe, Frankfurt a. M. / Basel 1975-2008 (D. E. Sattler)
– Münchener Ausgabe, München / Wien 1992-1993 (Michael Knaupp)
Genannt ist die Seite mit dem Textbeginn. Weicht in der Frankfurter Ausgabe das Incipit in Band 20 von dem in Band 7/8 ab, so erscheint es in Klammern. Die Stuttgarter Ausgabe ist derzeit als einzige online verfügbar. Verküpfungen bieten Stellenverweise zur ›Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe online‹ der Württembergischen Landesbibliothek.

Register

Ein alphabetisches Verzeichnis der Titel beziehungsweise der Textanfänge in den genannten Ausgaben ermöglicht umgekehrt das Auffinden der gedruckten Gedichte in der Handschrift. Bei Anwahl erscheint die Handschriftseite mit dem Textbeginn. Weicht in der Frankfurter Ausgabe das Incipit in Band 20 von dem in Band 7/8 ab, ist es nur dann gelistet, wenn der Unterschied zu anderer alphabetischer Sortierung führt.

Impressum

Die Erarbeitung dieser Website wurde von Dezember 2016 bis zur Veröffentlichung im Oktober 2020 finanziert von der A und A Kulturstiftung, Köln. Die Stiftung ermöglicht weiterhin die Aktualisierung der Software. Gestaltung und Technik besorgt Konstantin Klatt Mediendesign, Berlin. Verantwortlich für den Inhalt ist Hans Gerhard Steimer, Amelinghausener Straße 5, 21385 Oldendorf / Luhe, steimer|at|uni-bremen.de.

Die Aufnahmen des Homburger Foliohefts stammen von der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Sie erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Magistrats der Stadt Bad Homburg vor der Höhe. Die Württembergische Landesbibliothek betreibt das Hosting der Website.

Änderungen

– 12. Januar 2021: Seiten 307/05 – 307/10 hinzugefügt
– 12. April 2021: Seiten 307/01 – 307/04 hinzugefügt
– 24. April 2021: Farblich hervorgehobene Handschrift von Raster- in Vektorgrafik gewandelt